Donnerstag, 12. Juni 2014

Sieglinde als Detektiv

Beim letzten Aufräumen fielen mir zwei alte Kinderbücher von mir in die Hände. "Sieglinde als Detektiv" und "Gabi weiß sich zu helfen". Darin kann man die drolligen Geschichten lesen, wie Sieglinde durch zufällig gemachte Fotos einen Verbrecher fängt, und Gabi ihren nagelneuen blauen Schirm verliert. Für Mädchen ab 10 Jahre.


Ja, liebe Kinder; hört gut zu - mit solchen spannenden Geschichten sind wir damals aufgewachsen. Nix "Twilight" und "Tribute von Panem" mit Mord und Totschlag. Uns musste ein verlorener Schirm reichen! Kein Wunder, dass man (ab 12) dann nahezu vor Aufregung ohnmächtig wurde, als Dolly im Internat eine Mitternachtsparty gefeiert hat.

Ich hatte da nun jedenfalls diese Bücher, und wollte sie nicht wegtun, weil ich die Illustrationen irgendwie so mag. Ich habe sie natürlich meiner Tochter zum Lesen angepriesen, aber bei aller Liebe (und mit noch so viel Nostalgie) - man hält es aus heutiger Sicht nicht aus. Ich sehe es ein.
Ich fing an zu überlegen, was man vielleicht anderes damit machen könnte.
Im Internet kursieren ja schon ewig diese Notizbücher, in denen man einfach leere Seiten mittels Spiralbindung zwischen altertümliche Buchdeckel einfügt. Ganz hübsch; aber ehrlich gesagt: ich brauche keine Notizbücher. Ich besitze bereits einen größeren Haufen ganz entzückender Leerbücher, die man ja immer mal wieder kauft, weil sie so hübsch sind. Aber man schreibt da ja dann doch im ganzen Leben nichts rein. Ich zumindest nicht. Ich wüsste auch gar nicht, was! Tagebuch? Das ist hier auf dem Blog. Rezepte? Habe ich auf Karten. Lebensweisheiten? Äh - nee. Also kein Notizbuch.
Aber dann ist mir was anderes eingefallen. Ich wollte immer schon mal eine etwas originellere Hülle für meinen Kindle haben! Da hatte ich mir ganz am Anfang mal mit meinen sehr rudimentären Fähigkeiten eine Notlösung aus Bastelfilz genäht, und dann ist da natürlich nie was tolleres draus geworden.

Heute habe ich also das Sieglinde-Buch entkernt und in eine eBook-Reader-Hülle umgewandelt. Die ganze Aktion war (wie immer, wenn man mal so eben nebenbei was machen will) von ungeahnten Schwierigkeiten begleitet.
Ich war mir z.B. zuerst überhaupt nicht über das Innenleben im klaren. Beim Rumgoogeln nach Verschlussmöglichkeiten sind mir dann doch tatsächlich bei Dawanda sogar genau solche Kindle-Hüllen aus alten Büchern begegnet! Man glaubt es nicht. Allerdings wird da ein ganz anderes Prinzip verfolgt. Es handelt sich um Hüllen, die beim Lesen drumbleiben, und wo der Reader an den vier Ecken mit so schrägen Gummis drin befestigt wird. "Damit es von außen wie ein echtes Buch aussieht." Das finde ich ja nun total krank. Ich kaufe mir doch nicht einen kleinen, leichten, ergonomisch geformten Reader, bei dem sich mehrere Produktdesigner sehr lange Gedanken darum gemacht haben, dass er gut in der Hand liegt - und dann mache ich eine komische Hülle drum?!? Und dann läuft wohl an den Ecken auch noch ein Gummiband über mein Display???

Ich will nur was für den Transport haben. Damit in der Handtasche das Glasscheibchen nicht kaputtgeht. Lesen möchte ich natürlich nach wie vor "pur". Ich habe das Buch also einfach innen mit 5 mm dickem Filz ausgekleidet und außen ein Gummi zum Verschließen angebracht.
Zuerst wollte ich auf der Seite, wo der Kindle eingelegt wird, einen Rahmen aus dem Filz schneiden, was optisch sicherlich hübscher gewesen wäre. Der hätte aber rundherum nur gut einen Zentimeter breit sein dürfen - und das ging ja nun technisch gar nicht. Ich hatte mir für diese Filzgeschichten extra mal so einen tollen Rollenschneider angeschafft, aber innen kann man damit natürlich keine Ecken ausschneiden! Und mit dem Cutter geht es auch schon mal überhaupt nicht.
Erschwerend kam hinzu, dass ich wegen der Höhe des Gerätes auch die doppelte Filzstärke brauchte, also den Rahmen zweimal hätte ausschneiden müssen. Wo ich ja schon beim Versuch mit dem ersten Teil circa einen Quadratmeter Filz verschnitten habe!
Ich bin dann auf Streifen ausgewichen. Das war schon schlimm genug! Geh mir ab mit diesem ganzen Stoffzeugs und allem, was sich beim Schneiden unterm Lineal bewegt. Teufelswerk.
Als ich das Streifenschneiden endlich bewältigt hatte, wollte ich immer zwei davon aufeinanderkleben. Und da trat ein Problem auf, dass ich schon öfter hatte, aber offenbar immer wieder erfolgreich verdränge: Filz kann man mit nichts kleben. (Außer eventuell mit speziellem Filzkleber - aber wo soll der wohl so plötzlich herkommen?) Es geht jedenfalls weder UHU, noch Glossy, noch Ponal, noch "Bastelkleber für Filz", noch Aslanfolie. Wobei ich doch gerade in die so große Hoffnungen gesetzt hatte!
Dann fiel mir glücklicherweise noch die Heißklebepistole ein. Und das geht prima! Hurra.


Nun kam das (mental) Schwierigste: den Buchblock herausschneiden. Dabei musste ich mal kurz die Augen zumachen; zweifelhafter Inhalt hin oder her, aber ein Buch kaputtmachen???
Aber auch das ging vorbei. Jetzt heiligt eben ausnahmsweise mal der Zweck die Mittel.


Ich habe die Innenseite des Rückens dann noch mit Buchbinderleinen verstärkt und die Innenseite des hinteren Umschlags mit PP beklebt. Vorne eine ganze Lage Filz, auf das PP hinten dann die "Haltestreifen". Eyelet in den Rücken und Gummischnur mit diesen Splint-Dingern durch.

Wenn man erstmal weiß, wie es überhaupt werden soll, geht es auf einmal ganz schnell!  :)


Kommentare:

  1. Hahaaa-wie lustig!! Und ab jetzt läufst du immer mit Sieglinde als Detektiv in der Tasche rum. (Was sollte man mit DEM Namen auch anderes anstellen?!) Die Hüllenidee find ich jedenfalls sehr gut und bewundere deine akribische Umsetzung. Du solltest damit in Serie gehen, ich wäre dein erster Abnehmer. Bei mir wäre es dann "Familie Jens im Puppenhaus", die mich aus meinem Bücherregal anschaut-im lateinischer Ausgangsschrift!

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  2. Wow, Sandra! Das ist eine supertolle Idee! Gefällt mir richtig, richtig gut. Und so eine Hülle hat garantiert niemand. Zumindest nicht solange, bis du damit in Serie gegangen bist... :-)

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  3. Deswegen die Heißklebepistole!
    Oh Mann, heute stehe ich echt auf dem Schlauch!
    Genial jedenfalls. Kannst jetzt auch zu DaWanda gehen damit. Mach dich selbstständig, dann musst du auch nicht immer zu so komischen Veranstaltungen für die Frau ab Mitte 40, die wieder arbeiten will (oder muss).

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  4. Mal wieder sehr sehr genial.....schon mal überlegt, damit einen Dawandashop zu eröffnen?!? LG Tanja

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  5. Du Held! Prima Idee, spitzen Umsetzung. Aber meine Berte Bratt Bücher kriegste nich.

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  6. Ich würde dann mal den zweiten Buchtitel zitieren: "Sandra weiß sich zu helfen" :-)
    Eine ganz wundervolle Hülle!

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  7. Wenn du Pech hast, lädt der Kindle die Inhalte jetzt passend zum Schutzumschlag. Als Bonus gibt alle Bände von Hanni und Nanni. Ich hab da auch noch ein Buch zu liegen mit dem schönen Titel: "Was geht mich Bayern an?" - das wäre hierzulande auch ein guter Umschlag. Bräuchte allerdings noch den Reader dazu...

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  8. Super, gefällt mir sehr, diese Idee. Ich möchte bald mal aus einem solchen alten Buch ein Erinnerungsbuch scrappen. Also das alte Buch quasi als Basis für ein "Album" nehmen. Dafür gab es schon immer wieder mal Anregungen. Deine Idee ist mir ganz neu! Toll, dass Du darauf gekommen bist... LG Monika

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  9. Wirklich eine tolle Idee, hab' ich mir auf jeden Fall schon mal angepinnt!

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  10. Einfach hinreissend genial. Ich liebäugele auch schon länger mit einer neuen Hülle für meinen Reader, denn meine erste selbstgenähte ist an einer Stelle ausgerissen. Phantastisch, wie du diesen seitlichen Block angesetzt hast. Tolle Idee und absolut nachahmenswert.
    LG von
    Stine

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  11. hach ich finds sooooooooooooooooo schick - aber ich brauch immer dringend
    einen, der beim Lesen dran bleibt. Wenn ich morgens im Winter mit kalten Fingern an der Bahn steh - dann muss das Ding dran bleiben falls es wegen irgendwelcher Erfrierungen runterfällt.... aber das hat schon echt was mit so ner alten hülle....

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