Donnerstag, 24. April 2014

Analoges Elend

Das ganze Problem fing eigentlich mit einem sonderbaren Format an.

Vor langer, langer Zeit, genauer gesagt: in der Vor-Kind-Zeit, sind wir gerne in England herumgefahren und haben dort schöne Gärten besichtigt. Ich habe prima bunte Fotos gemacht, und diese nach meiner Rückkehr fein säuberlich in Alben mit schwarzen Seiten geklebt. Damals eine Revolution. Diese Alben hatten das ulkige Querformat 35 x 45 cm. Auch jeder nicht mit den Standardmaßen im Möbelbau Vertraute erkennt sofort, dass sich so ein Album nicht in irgendwelchen herkömmlichen Regalfächern unterbringen lässt, und für den Rest seines Lebens eine Sonderbehandlung braucht. Kürzlich war ich es erstens leid, diese Alben immer in ganz anderen Zimmern als den Rest meiner Fotos aufzubewahren, und zweitens habe ich nachträglich das Bedürfnis entwickelt, diese für mich doch irgendwie sehr wichtigen Reisen auch textlich ein bisschen zu dokumentieren.

Ich steigerte mich gedanklich immer mehr in das Projekt hinein, und beschloss, die Fotos mal schön neu (und in einem unterbringungsfreundlicherem Format) zu verarbeiten und vor allem dabei auch mit einigen Beschreibungen zu versehen. Ehe ich komplett vergesse, wo und was das alles überhaupt war.
Kann ja nicht mehr lange dauern - bei den Urlauben davor bin ich manchmal noch glücklich, wenn ich überhaupt das passende Land zuordnen kann!

Jetzt ergab sich auch gleich das Hauptproblem bei der ganzen Geschichte: Damals war ich natürlich noch komplett analog unterwegs! Und die etwas über 300 Bilder hatte ich leider vollflächig mit Pritt aufgeklebt. Was für ein putziger Einfall. Aber ich habe ja noch die Negative, und nun dachte ich, ich lasse einfach neue Abzüge machen.
In meinem gängigen Fotoladen sollte das (richtig ausbelichtet, nicht komisch gedruckt) allerdings 45 Cent pro Stück kosten - das wären dann ja insgesamt fast 150,- Euro gewesen. Das war mir dann doch ein bisschen viel für so ein eigentlich unnützes Projekt.

[ Kleine Anekdote nebenbei: Alternativ hatte ich noch in dem bei mir sowieso sehr unbeliebtem anderen Fotoladen bei uns im Ort gefragt - da sollte ein (!) Bild in 10x15 (Achtung, jetzt kommt's:) 2,95 Euro kosten!!! Ich dachte erst, es handelt sich um eine Art Missverständnis. Ich habe gefragt, wie das denn wohl so irrsinnig teuer sein kann. Antwort: Das ist ja auch besonders hochwertiges Papier! Ach so. Das wären dann ja 900,- Euro; ich überleg's mir mal. ]

Leider gibt es auch im Lieblingsladen bei analogen Negativen keine Staffelpreise für größere Mengen, weil die ja alle einzeln "von jemandem" (?) in das Gerät eingelegt werden müssen. Da frag ich mich doch: Wer hat die denn früher alle für so wenig Geld eingelegt? Da hat das doch nur Bruchteile gekostet! Haben das Kinder gemacht? Saisonarbeiter aus dem Ostblock? Man weiß es nicht.
Mir wurde versichert, dass sowas in naher Zukunft auch noch viel teurer werden würde, weil das bald gar keiner mehr anbietet. Mir war nicht klar, dass das offenbar eine Dienstleistung ist, die schon komplett im Aussterben begriffen ist. Gibt es denn gar keine anderen Leute , die noch irgendwas mit ihren alten Negativen machen? Oder sind sämtliche Negativbestände dieser Welt inzwischen schon digitalisiert? Nur meine nicht???
Bevor jemand fragt, ich habe natürlich durchaus über Digitalisieren nachgedacht. Aber mein popeliger JayTech-Billigscanner macht das auf eine so unterirdische Art und Weise (aber schnell!), dass das nicht in Frage kam. Professionelles Einscannen wiederum übersteigt im Preis natürlich noch die eh schon nicht so günstigen Abzüge.

Ich suchte nach anderen Möglichkeiten und stieß auf diverse Online-Dienste, die auch ausbelichtete Abzüge von Negativen anbieten. Zu SEHR unterschiedlichen Preisen. Bei einigen sicherlich qualitativ begründet - aber wir wollen uns mal nichts vormachen. Ich habe damals mit einer schlechten Kamera schlecht fotografiert; da reichen mir "normalqualitative" Abzüge völlig aus. Geht ja mehr um den Erinnerungswert.
Nun schickt man ja Negative nicht so gerne in der Gegend rum, aber wirkliche Alternativen gibt es ja offenbar nicht. Ich tütete also meine England-Filme ein und sie machten sich auf die Reise. Für zu erwartende 15 Cent pro Bild.

Nach fünf Werktagen kam ein kleines Paket und ich war mit der Qualität der Abzüge durchaus zufrieden. Aber dann die Erkenntnis beim weiteren Auspacken: Leider sind von meinen neun eingeschickten Negativsätzen nur sieben wieder hier angekommen! Manche Sachen weiß man irgendwie schon vorher, oder? Meine Sorge ging ja eigentlich mehr dahin, dass irgendwas in der Post verloren geht. Nicht, dass die im Labor welche davon verbaseln!
Nach einigem Beschwerde-hin-und-her-Gemaile musste ich die Abzüge der verloren gegangenen Negative nicht bezahlen, und man versprach mir, weiterhin die Augen offenzuhalten, ob sich noch was anfindet. Da gehen meine Hoffnungen allerdings gegen Null - die Dinger werden bei denen ja nicht unbemerkt vom Tisch gefallen sein! Vermutlich sind sie in den Auftrag von jemand anderem mit hineingeraten, der das natürlich im ganzen Leben nicht erkennen wird! Wer guckt schon Negative an. Vielleicht wundern sich da später mal die Erben, mit welcher fremden Frau ihr Vater anscheinend mal in England war.

Glücklicherweise ist es dem Fotodienst gelungen, vor dem Verlust der Negative die Abzüge zu erstellen. Die kann ich ja nun verarbeiten, und es steht wohl kaum zu befürchten, dass ich mit diesen Fotos nochmal in meinem Leben irgendwas machen möchte. Ich habe in jungen Jahren mal aus Unwissenheit selber größere Mengen Negative weggeschmissen; da muss man ja jetzt auch irgendwie ohne auskommen. Trotzdem war das alles ... unschön.

Da die ganze Aktion jetzt schon wieder ein paar Wochen her ist, habe ich mich aber inzwischen einigermaßen beruhigt und beginne zu vergessen. Das geht bei mir ja üblicherweise schnell.
Ich habe sogar auch schon angefangen, mit den Fotos was zu machen! Aber das zeige ich mal lieber bald in einem separatem Post.   :)

Kommentare:

  1. DANKE für diesen Bericht!
    Super geschrieben!
    LG
    Nicole

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  2. Das ist ja wirklich ein mutmachender Bericht, besonders wenn man ebenfalls plant das ein oder andere Negativ zu neuem Leben zu erwecken. Da muss ich mich dann wohl ranhalten, damit ich nicht mein gesamtes Scrapmaterial veräußern muss, um diese Sachen bezahlen zu können.
    Beste Grüße aus dem Dänenland von
    Stine
    p.s. Habe auch bis vor drei Jahren nicht damit gerechnet, dass ich mal zum Camper mutieren könnte (alles ziemlich merkwürdige Leute). Das scheint aber hier oben, zumindest auf diesem Campingplatz ganz anders zu sein.

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  3. Guter Erfahrungsbericht. Mir geht es genauso. Habe Wahnsinnsangst meine Negative in fremde Hände zu geben.
    Liebe Grüße Heidrun
    Bin gespannt, wie Du die Neuordnung angehst.

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  4. Ich hatte mich schon gefragt, wann Du soweit bist, diese tragische Geschichte zu verarbeiten ;-)

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    1. Öffentliches Verarbeiten hilft mir immer ganz gut. ;)
      Ich hätte schon eher - aber man kommt ja zu nix!

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  5. Das war wieder mal ein super Post, Sandra! Gott sei Dank habe ich am Anfang meiner Scrapbooker-Laufbahn beschlossen, nicht rückwärts zu scrappen. Dann hätte ich nämlich ähnliche Probleme :)

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  6. Hölle, was für ein Elend! Ich habe hier so unendlich viele Negativstreifen rumfliegen, habe doch so spät erst mit der digitalen Fotografie begonnen. Deine Story ist so eine Art Warnschuß. Wenn man noch wat will mit den alten Dingern, dann in nächster Zeit. Und auf alles gewappnet sein. Danke...das du's schon probiert hast....LG Tanja

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  7. Das ist echt ärgerlich ... allerdings muß ich sagen, das ich es daher selbst mache. Es gibt inzwischen bezahlbare, vernünftige Scanner (Flachbrett scanner mit Oberlichteinheit), die zwar mühsam zu scannen sind, aber da fallen mir keine Negative ins Nirvana. Ich bin froh das Du wenigstens die Abzüge noch bekommen hast, somit kannst Du diese wenigstens einscannen und erhalten. Alptraum das Ganze!

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  8. Negativstreifen - ohje, es gibt wenig bei mir, was so vollkommen unorganisiert ist, wie diese. Die sind nämlich auch alle richtig alt, bin von Papierbildern mit Anfang 20 auf Dia umgestiegen und dann digital. Also, ob ich die einscannen lasse - ich fürchte nicht. Wenn ich posthum berühmt werde, wird sich schon eine wissenschaftliche Hilfskraft dafür finden lassen.
    Ich hab neulich alle meine Dias (alle, im Sinne von alle) einscannen lassen (knapp unter 1000). Bei Diaparadies.de. Bin zufrieden mit der Qualität und es kamen auch alle wieder, so dass ich mich um das Entsorgen nun selber kümmern muss...

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