Samstag, 26. April 2014

Adel verpflichtet

Kürzlich bin ich abends vom Fernseher beim ziellosen Rumschalten in eine Sendung geraten, die sich mit den Problemen in der Parallelwelt der heutigen Aristokratie befasst hat. Besonders oft gezeigt wurde eine Freifrau, bei deren Namen ich nicht aufgepasst habe, die mir aber hauptsächlich durch ihre ulkige Schuh-/Strumpfwahl im Gedächtnis geblieben ist. Pinke Pumps zu schwarzer Strumpfhose (und mit roter Jacke) sieht auch bei Adligen irgendwie sonderbar aus.
Eins ihrer Probleme war jedenfalls offenbar, dass sie keinen zum Heiraten finden konnte. Zumindest nicht in passenden Kreisen. Und auf andere Kreise hatte sie keine Lust. Sie könnte nicht einen Mann haben, den sie immer wieder ermahnen (!) müsste, dass man nicht Krawatte sondern Schlips sagt, und nicht Toilette, sondern Klo. (Warum meinte sie wohl, ihm das immer wieder erklären zu müssen? Wollte sie sich gerne einen besonders begriffsstutzigen aussuchen …?) Außerdem würde der womöglich allen Leuten ständig „Guten Appetit“ oder „Schönes Wochenende“ wünschen oder gar, wenn es ihm gut schmeckt "Lecker!" sagen, und solche Verhaltensweisen könnte man ja keinesfalls tolerieren, geschweige denn, die auch noch zu Hause haben.

Das hat mich doch irgendwie sehr interessiert, und ich habe ein bisschen gegoogelt, wie der Adel heute wohl so spricht. Und warum überhaupt anders. (Warum ist eigentlich schon klar, ist ja sehr hilfreich bei der Abgrenzung.) Vor allem die Toilettengeschichte findet häufig Erwähnung. Die Devise heißt: Klare Worte statt künstlich beschönigender Ausdrücke. Deswegen ist „Klo“ die einzig wahre Bezeichnung. Und an diesem Sprachverhalten erkennen sich alle Adeligen dieser Welt untereinander schon nach Sekunden, sobald sie nur den Mund aufmachen. Wer „Toilette“ sagt, ist sofort raus.

Das sind ja ungeahnte Erkenntnisse. Bisher war ich der Meinung, das größte Problem, wenn man solche Leute trifft, ist, wie man sie überhaupt anredet! (Mal abgesehen davon, dass man sich vielleicht wundert, dass die ja doch gar nicht alle ein Habsburger Profil haben.)
Hier kommen ja nur selten Aristokraten zum Essen; und seit ich damals diesen Schuh verloren haben, besuche ich auch nicht mehr so oft irgendwelche Bälle. Ich kenne zwar einige Leute mit einem "von" im Namen, aber die scheinen mir doch eher zufällig so zu heißen! Man ist ja doch völlig ungeübt im richtigen Umgang mit dem Adel.

Als ich meine Ausbildung anfing, war der Geschäftsführer der Firma gerade zufällig ein Prinz. Prinz zu Waldeck, wenn ich mich recht erinnere. Der wurde zu meiner großen Überraschung einfach nur mit „Prinz“ angesprochen. Ganz ohne weiteren Namen. „Prinz, hat man Ihnen schon die Post gebracht?“ Das fand ich mehr als originell. Als Kind hatte ich Kasperle-Schallplatten, da spielte auch gerne mal ein Prinz mit. „Kommt, Kinder, wir rufen ihn mal! Priiinz! Pri-hinz!“ Wer hätte gedacht, dass das tatsächlich die korrekte Anrede ist? Und nicht die Kasperl-Sprache? Glücklicherweise hat dieser Herr die Firma nach kurzer Zeit schon wieder verlassen, ehe ich in die Verlegenheit kam, mal mit ihm reden zu müssen. Womöglich hätte ich ihn nach der Toilette gefragt? Oder ein schönes Wochenende gewünscht???
Überhaupt; warum man das nun wohl nicht darf … Haben die Adeligen keine schönen Wochenenden? Weil sie da ja pausenlos um ihre Ländereien drumrum reiten müssen? Oder etwa sowieso NUR schöne Wochenenden? Mit Tanz und Gesang? Und die kriegen vermutlich auch unentwegt so tolles Essen gekocht, dass ein „Guten Appetit“ sich völlig erübrigt?

Um nochmal auf die eingangs erwähnte Aristokratin zurückzukommen, die so gerne einen Mann gehabt hätte: Gegen Ende der Reportage hat sie irgendeine größere Festlichkeit besucht, bei der sie einen alleinstehenden Tischherren zugeteilt bekam. Da hat sie sich schon mittelgroße Hoffnungen gemacht. (Er aber offenbar weniger – sie hat auch überhaupt nicht den Eindruck vermittelt, als ob man ihr auch nur ein bisschen Spaß haben könnte.) Zu ihrer Enttäuschung hatte er sich dann auch schon nach wenigen Minuten davongemacht und wurde für den Rest des Abends nicht mehr gesehen, was sie unfassbar unhöflich fand. In solchen Kreisen unverzeihlich.War halt doch nur ein Bürgerlicher.

Vielleicht musste er auch einfach nur aufs Klo.

Kommentare:

  1. Das ist ja mal wieder eine herrliche Geschichte! Äh... eine herrschaftliche. Hihi!!!

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  2. Super geschrieben! Hab mich sehr amüsiert! Zum Glück darf ich zur Toilette gehen und muss nicht aufs Klo! Wünsche noch ein schönes Wochenende ;-)

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  3. ..und ich habe gedacht, ich oute mich als "Nicht-Adel" wenn ich so banale Begriffe benutze wie "Klo" ;-)
    Sehr schöne Geschichte und toll geschrieben !!
    LG Alexandra

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  4. Bei Dir lernt man immer wieder neue Sachen kennen. Ich hätte auch nicht gedacht, dass die Umgangssprache so herrschaftlich ist...man lernt nie aus und ich kann nur hoffen, dass ich nie in die Verlegenheit kommen werde, jemand aus Herrschaftlichen Kreise anzusprechen...ich wünsche auch immer ein Schönes Wochende.
    Schönes Rest-Wochenden, liebe Sandra!
    Liebe Grüße
    Sigi

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  5. Hm, das ist ja spannend. Ich HASSE es, wenn Leute sagen, sie müssen "auf Klo". Diese Abneigung outet mich ja sofort als Kind der Arbeiterklasse. Also demnächst lieber nicht ( mehr) offen kritisieren. Hinterher fühlt sich jemand noch auf den Schlips getreten. Keinesfalls jedoch auf die Krawatte (um Gottes Willen). Welch lehrreicher post, vielen Dank dafür ;-).
    LG Sabine

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  6. Sehr lustige Geschichte Ich finde es imemr weider interessant über was du so im Fernsehen stolperst. Auf welchen Sendern zeigen die sowas und um welche Uhrzeit? Das kann ja niemanden wirklich interessieren. Außer man sieht es aus deiner Warte, dann ist es natürlich sehr unterhaltsam.

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  7. Was für eine nette Geschichte und ich musste immer wieder herzhaft lachen! Was meinen Lieblingsmann auf den Plan rief und wir haben uns beide königlich amüsiert über den Adel. Zeigt wieder mal, dass auch Glück nicht "kaufbar" ist.

    LG
    Emma

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  8. Haha. Deine Humor ist klasse. Ich freue mich immer, wenn du einen langen Post schreibst, den muss ich immer ganz in Ruhe lesen. Und ich dachte auch, Toilette klingt etwas schöner, als KLO, da denke ich sofort an Plumps-Klo. Hab ich einmal gesehen, muss ich nicht wieder haben. Ich gehe also lieber auf die Toilette, bin ja auch nicht adlig.
    Weil ich deinen Blog so gerne mag, habe ich hier eine kleine Anerkennung für dich, wenn du magst.
    Viele Grüße, Anne

    Viele Grüße, Anne

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  9. Habe mich wieder köstlich amüsiert, - danke dafür! Dein Schreibstil ist einfach einmalig und sehr erfrischend! Im übrigen wird der Cousin meines Mannes immer schon "Prinz" genannt, - bis heute konnte und kann mir keiner erklären warum. Er ist allerdings auch schon Mitte 40 und hat auch noch kein abbekommen....vielleicht sollte man den mit der von dir benannten Adeligen verkuppeln? LG Tanja

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  10. Hallo!
    Ich bin heute durch Zufall über deinen Blog gestolpert, und dies ist der dritte Eintrag, den ich gelesen habe.
    Ich musste mich erstmal vom Fußboden wieder hochrappeln, bevor ich schreiben konnte - ich war versehentlich vor Lachen vom Stuhl geplumst! :'D

    Deinen Blog werde ich mir gleich mal einspeichern! Ich liebe es, wenn Blogger und andere "Schreiberlinge" so toll mit Sprache umgehen können, dass man direkt ins Kopfkino abdriftet und aus dem Lachen nicht mehr 'raus kommt.

    Danke, dass du diese Begabung so freizügig teilst! :o)


    Viele liebe Grüße,
    Alex aus Brunsbüttel

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